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Siloah 24

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Wer hierherkommt, der sucht Hilfe - und begibt sich damit in eine ganz eigene Welt. Im Krankenhaus kommt es vor allem auf die Menschen an. Das Siloah ist Hannovers modernste Klinik - nach jahrelangen Planungen ist sie seit 2014 in Betrieb. Vom Chirurgen bis zum Seelsorger kümmern sich 880 Mitarbeiter rund um die Uhr um ihre Patienten. Wie funktioniert dieser Mikrokosmos?  Ein Tag von Frühschicht bis Frühschicht.





Eine Reportage der HAZ-Volontäre Julia Polley, Linda Tonn, Lisa Malecha, Mario Moers und Nils Oehlschläger.
Fotos: Katrin Kutter/Jan Philipp Eberstein.
Gestaltung: Frerk Schenker.

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Es war eine ruhige Nacht im Siloah. Zehn Neuaufnahmen, zwei verlegte Magensonden und einen geschwollenen Finger – so lautet die Bilanz der Notaufnahme kurz vor dem Schichtwechsel. Noch ist das Foyer des Krankenhauses fast menschenleer. Schon bald werden hier Ärzte eilen und Angehörige ungeduldig warten. Die Pfleger in der Notaufnahme werden zu kritischen Fällen gerufen und in den hochmodernen OP-Sälen der Klinik werden Herzen behandelt. Davon ist so früh am Morgen noch nichts zu spüren. Der Tag in Hannovers modernstem Krankenhaus beginnt gemächlich.

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Seit einer halben Stunde befüllen die Mitarbeiter am Fließband 2500 Tabletts mit Mittagessen. „Das ist keine einfache Arbeit“, sagte eine von ihnen, während sie das nächste Seehechtfilet auf den Teller legt. Konzentration ist gefragt, um die monotone Arbeit richtig zu machen – und das bei Kühlschranktemperaturen. Selbst der Küchenchef Marcus Kühnemund gibt zu: „Diesen Job könnte keiner acht Stunden am Tag machen.“ Parallel bereiten die Köche das Mittagessen für den übernächsten Tag mit dem sogenannten „Cook&Chill“-Verfahren zu. Alles wird fertig gekocht und innerhalb von 90 Minuten auf vier Grad runtergekühlt. Erst auf den Stationen wird das Essen wieder erwärmt. Frische Zutaten sind allerdings in der Minderheit, Fertigprodukte füllen die Lagerräume. Nur im Wahlleistungsraum sind mehr frisches Obst und Gemüse zu finden. Hier wird das Essen für Privatpatienten vorbereitet. „Die Köche haben hier die Aufgabe, die Produktion sicherzustellen und den eng getakteten Arbeitsplan einzuhalten“, sagt Kühnemund. Kreativität in der Essenzusammenstellung findet man hier nirgends. „Unser Ziel ist es, dass die Produkte immer gleich schmecken“, erklärt der Chef.

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Station B4 ist eine von 21 Fachabteilungen im Siloah. Hier liegen die Herzpatienten, und für sie beginnt der Tag wie auf den meisten Stationen: Detlef Pfeiffer, der pflegerische Stationsleiter, und sein Praktikant Tobias Görner ziehen von Zimmer zu Zimmer, um sich nach dem Wohlbefinden der Patienten zu erkundigen. Bevor es Frühstück gibt, werden Puls, Blutdruck, Temperatur, Gewicht und bei Bedarf auch der Insulinspiegel gemessen. 41 Betten bietet die Station, um 12 Patienten muss sich Pfeiffer heute kümmern. Immer dabei hat er seinen fahrbaren Arbeitswagen mit dem Computer, in den er die Patientendaten einträgt. Mit einem gut gelaunten „Guten Morgen“ betritt er Zimmer 422. Direkt neben der Tür liegt Wanda Trauzettel aus Linden. Die 84-Jährige ist am Vortag mit Herzrhythmusstörungen und zu hohem Blutdruck eingeliefert worden. Pfeiffer reicht ihr einen durchsichtigen Plastikbecher mit ihren Tabletten. Dann misst er die Vitalzeichen – und muss auch schon wieder weiter.

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Für den Chefarzt der Kardiologie, Andreas Franke, musste die morgendliche Visite heute ausfallen. Er hat bereits den ersten Notfall des Tages hinter sich gebracht und einem Patienten einen Herzkatheter gelegt. Fast wäre es schiefgegangen. „Es war mühsam, wieder einen Blutfluss herzustellen“, berichtet der Chefarzt seinen Kollegen, die sich zur Morgenbesprechung eingefunden haben. Sie beugen sich über einen Bildschirm, auf dem in Schwarz-Weiß das pochende Herz des Patienten zu sehen ist. Der Patient ist wieder stabil, sagt Franke – und geht zum Tagesgeschäft über. Auf Station B4 liegen heute 38 Patienten. Fünf von ihnen sollen entlassen werden, auf einer anderen Station sind es noch einmal acht – das heißt vor allem: Die Ärzte müssen viel Schreibkram erledigen, Entlassungsbriefe fertig machen. Auch das ist inzwischen ein großer Teil des Alltags der Mediziner. „Der Überblick über die Bettenauslastung ist wichtig“, sagt Franke. Damit niemand auf dem Flur zwischengelagert werden muss. Immerhin seien die Plätze in der Klinik inzwischen beinahe zu 100 Prozent ausgelastet.

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Nach dem Notfall am Morgen liegt für Andreas Franke der nächste Patient schon im Herzkatheterlabor bereit. Mehrfach wird der Kardiologe in der nächsten Stunde mit einem dünnen Draht über die Adern am Handgelenk zum Herzen hinauf wandern – unter örtlicher Betäubung. Auf den Monitoren verfolgt er den Draht auf seinem Weg durch die schmalen Blutbahnen bis in die Herzkranzgefäße. Ein Routineeingriff, denn die Mangeldurchblutung des Herzens, Herzrhythmusstörungen und die Herzschwäche zählen zu den häufigsten kardiologischen Erkrankungen in Deutschland – und begegnen Franke täglich.

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4200 Betten in allen 17 Krankenhäusern des Klinikums Region Hannover (KRH) werden zentral von der Apotheke am Siloah beliefert. „Die Grundversorgung ist eigentlich immer gut planbar“, sagt Abteilungsleiterin Insa Gross. Eng wird es nur, wenn es Lieferschwierigkeiten bei Medikamenten gibt, sagt sie – dann sei Schnelligkeit gefragt. In den Regalen und Kühlschränken sind 1800 Produkte immer vorrätig. Sie kosten die Klinik jährlich 23 Millionen Euro. Wenn nur eine geringe Menge eines Medikaments gebraucht wird, könne das auch im sterilen Labor hergestellt werden, erklärt die technische Assistentin Andrea Heitmüller. Augentropfen etwa mischen die Mitarbeiter hier selbst: „Wir können alles.“

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Auf Station B4 fehlt noch eine Zeitschrift. Das erfahren Bärbel Sprengel und Renate Manowski, als sie am Stützpunkt ankommen. Sofort läuft die 75-jährige Sprengel los, um die Illustrierte zu besorgen. Ehrenamtlich kümmern sich die älteren Damen um die Wünsche der Patienten. „Wir nennen uns auch die grünen Damen“, sagt Sprengel – obwohl das vierköpfige Team auf den grünen Kittel verzichtet. Um 8 Uhr morgens beginnt der Patientenservice die Tour durch die Stationen. Die Frauen klopfen an die Türen und fragen, was sie Gutes tun können. Heute hat Sprengel schon einige kleine Einkäufe erledigt, sie betreut eine Bücherei, liest den Patienten vor und kommt zu Gesprächen ans Krankenbett – denn das käme im trubeligen Alltag oft zu kurz. „Leider können wir nicht in jedes Zimmer gehen“, bedauert sie. Dafür fehlten dem fürsorglichen Team noch mehr engagierte Damen. Sprengel legt die Zeitschrift neben das Bett des Patienten. Ein nettes Grußwort, dann muss sie auch schon weiter.

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„Jeder Patient hat den Anspruch auf ein desinfiziertes Bett“, sagt Kai Künzler vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene. Deshalb prüft sein Team regelmäßig die Qualität der Krankenhausbetten und -zimmer, manchmal auch unaufgefordert. Dabei testen sie, ob sich Bakterien oder Keime im Arbeitsbereich der Ärzte befinden. „Die Intensivstation ist ein besonderer Risikobereich“, sagt Künzler. Hier liegen nicht selten Patienten mit Infektionen, die ansteckend sind. „Da ist es besonders wichtig, dass der Platz steril ist.“ 19 Fachkräfte hat das Institut für die Kliniken der Region Hannover, allein fünf davon sind Ansprechpartner für das Siloah. "Wir beraten auch, wie man mit den Patienten bei bestimmten Keimen umgehen sollte“, sagt Künzler, während zwei Pfleger Abstriche und Abdruckproben von einem hergerichteten Bett in der Intensivstation nehmen. Sie müssen sich beeilen, denn jeden Moment könnte das Bett für einen neuen Patienten gebraucht werden.
Generell seien die Krankenhäuser aber sehr sauber – auch im Siloah sei der Standard sehr hoch. Mit jedem Schichtwechsel werde einmal desinfiziert, damit die Kollegen einen sauberen Arbeitsbereich vorfänden, erklärt Künzler. Dann sind alle Arbeitsproben genommen und sicher in einem Koffer verstaut.

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Im OP-Trakt herrscht Hochbetrieb. Einem Patienten wird gerade ein Stent in die Hauptschlagader gesetzt. Das besondere an diesem Hybrid-OP-Saal: Während des Eingriffs können Gefäßchirurg und Radiologe die Gefäße auf Live-Bildern überwachen.
Hektik ist auf den Fluren und in den Sälen des OP-Trakts nicht zu spüren. Ärzte und Pfleger arbeiten Hand in Hand. Von 8.30 bis 15.30 Uhr sind alle neun OP-Säle ständig besetzt. „Ich mache am Vortag einen Plan. Notfälle kommen immer dazwischen – andere Patienten werden dann manchmal statt vormittags erst nachmittags operiert“, sagt Lars Jünemann, OP-Koordinator. Nach dem Team-Time-Out, der letzten Besprechung vor der OP, wird der nächste Schnitt im Hybrid-OP gesetzt.  
Und wie sind sie so, die Gefäßchirurgen? Ole Brenning möchte das Klischee von Chirurgen, sie seien abgestumpft und ein schwieriger Typ Mensch, nicht bestätigen. Die hereinkommende Anästhesistin sieht das ganz anders. „Chirurgen sind die Macher und haben oftmals eine grobe Umgangsart. Sie müssen aber auch viel Verantwortung übernehmen“, sagt sie. Brenning lässt das unkommentiert.
Der nächste Patient ist dran: Wieder ein Stent an der Hauptschlagader.

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Schlange an der Essensausgabe, Geschirrgeklapper und laute Gespräche: In der Caféteria herrscht Hochbetrieb, denn viele Mitarbeiter verbringen hier ihre Mittagspause. Das Essen aus der Großküche ist angekommen und schmeckt den meisten. Wer keine warme Mahlzeit zu sich nehmen möchte, kann sich am Salatbüffet bedienen oder einfach ein belegtes Brötchen mit einem Quark essen – die Auswahl ist groß. Täglich wird die Caféteria mit 150 belegten Brötchen beliefert. Hinzu kommen Croissants, Laugenstangen, Kuchen, Torten und andere Kleinigkeiten. „In der Caféteria kann man sich gut mit Besuch aufhalten“, sagt eine Patientin, während ihre Freundin Kaffee und Kuchen bringt. „Die Versorgung ist schon fast wie im Hotel“, sagt sie. Auf der Station werden unterdessen die Tabletts schon wieder eingesammelt. Für die Patienten gab es bereits um 12 Uhr Essen.

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Ein beißender, fauliger Geruch liegt in der Luft. „Ich merke das gar nicht mehr“, sagt Laborantin Anika Jabs und hält eine mit Bakterien bewachsene Platte gegen das Licht. „Wo nichts wächst, wirkt das Antibiotikum“. Sie hat in der benachbarten Nordstadtklinik heute etwa 150 Proben untersucht. Im Labor wird festgestellt, wenn ein Patient Resistenzen gebildet hat oder sich Keime in einer Klinik ausbreiten. Dazu werden täglich Abstrich-Proben auf den Stationen genommen – auch im Siloah. „Die Intensivstation ist ein besonderer Risikobereich. Generell hat aber jeder Patient den Anspruch auf ein möglichst desinfiziertes und steriles Bett“, erklärt Hygienefachkraft Kai Künzler. Bei bis zu 1000 Aufträgen täglich fällt viel Abfall an: 20 Tonnen infizierter Müll pro Jahr.

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Acht Minuten braucht Sanja Majstorovic, um ein benutztes Krankenhausbett für den nächsten Patienten herzurichten. Wenn ihre Kollegin Maria mit anpackt, geht es sogar noch ein bisschen schneller. Schritt für Schritt wandert die Bettwäsche in einen Plastiksack, mit einem blauen Lappen fährt Majstorovic über Matratze, Bettgestell und Nachtschrank. Sie legt die Plastikschürze ab und stülpt routiniert frisches Bettzeug über. Den Abschluss macht eine knisternde Plastikfolie – fertig. Betten in Infektionszimmern müssen drei Mal auf diese Weise gereinigt werden. „Da werden dann auch nochmal Abstriche gemacht, ob alles sauber ist.“ 20 Betten hat Majstorovic seit dem Schichtbeginn um 9 Uhr schon geschafft. Bis zum Feierabend warten auf Station A5 noch einige auf sie. Denn heute ist Entlassungstag. „Dann geht es hier zu wie auf dem Bahnhof“, sagt sie. Zeitdruck verspürt Majstorovic, die seit 17 Jahren im Siloah arbeitet, aber nicht: „Wir nehmen uns die Zeit, gründlich zu sein. Das hat im Krankenhaus oberste Priorität.“

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Inmitten der hektischen Krankenhausroutine sieht sich Seelsorger Ralph Ivanovs als Ruhepol. „Wir haben den großen Luxus und bringen Zeit mit“, sagt er. Nur selten wird der katholische Theologe aus religiösen Gründen gerufen. „Die Gespräche drehen sich um persönliche Lebensfragen“, sagt er. „Es geht um Beziehungen, Freunde und Familie oder die einfache Frage, wer sich um den Partner kümmert, wenn der Patient nicht mehr lebt.“ Gerne würde Ivanovs von Bett zu Bett gehen und jedem Kranken ein Gespräch anbieten, doch dafür ist seine Zeit und die seiner zwei evangelischen Kollegen doch zu knapp. „Viele Patienten kommen auch zu uns, wenn sie Fragen zu ihrer Behandlung haben.“ Oft tauchten Fragen auf, ob eine OP noch Sinn gebe oder ob der Patient sich die Chemotherapie noch einmal antun möchte. „Ärzte und Pfleger haben oft wenig Zeit und Geduld, sich wirklich mit dem Patienten und seinen Ängsten zu beschäftigen“, so Ivanovs. Dann sei er gefragt.

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Es ist ein enger Takt, in dem Andreas Franke von Zimmer zu Zimmer geht. Der Chefarzt ist auf Visite und hat pro Patient nur fünf bis zehn Minuten Zeit. Die Herausforderung: „Ich muss immer Ruhe ausstrahlen und dem Patienten trotz der knappen Zeit zeigen, dass ich mich um ihn kümmere", sagt er und betritt den nächsten Raum. Hans-Michael Koenen, dem am Morgen Stents gesetzt wurden, geht es schon wieder besser. „Eine Nacht müssen Sie trotzdem noch bleiben“, sagt Franke und zeichnet dem Mann nochmals auf, was genau bei dem Eingriff gemacht worden ist. Dann sind die fünf Minuten vorbei - und der Chefarzt muss weiter. Der nächste Patient wartet schon.

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„Wenn wir nicht funktionieren, steht hier alles still“, sagt Lars Behrend. Der Leiter des Patientenbegleitdienstes bringt gerade eine Patientin zum Röntgen. Kurze Wege kennen die Mitarbeiter nicht. „20 Kilometer läuft jeder von uns mindestens am Tag“, sagt Behrend. Die 17 Vollzeitkräfte und sechs Bundesfreiwilligendienstler kümmern sich täglich von 7 bis 22 Uhr um rund 450 Transporte durch das Haus – auch der Leichentransport gehört dazu. Körperliche Fitness und Belastbarkeit sind Einstellungsvoraussetzungen. Überstunden und zwei Wochen Arbeit am Stück seien keine Seltenheit. Am Röntgenraum angekommen, kann die nächste Patientin direkt wieder aufs Zimmer gebracht werden. Eine Pause gibt es nicht.

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Jedes der 54 Betten auf der Intensivstation ist belegt. Unzählige Maschinen und Monitore stehen um jedes Bett herum, es piept ununterbrochen. Das Personal hat sich daran gewöhnt, für Angehörige ist es immer beklemmend, zwischen den Apparaten zu stehen. Heute ist ein ruhiger Abend ohne Notfälle. „Das nutzen wir, um uns um die Körperpflege der Patienten zu kümmern“, sagt Pfleger Christoph Lühmann. Viele Patienten liegen im künstlichen Koma und müssen gewaschen und umsorgt werden. Das geschieht nach Möglichkeit vor oder nach der Besuchszeit, die anders als in anderen Bereichen des Krankenhauses auf wenige Stunden eingeschränkt ist. Denn wer hier liegt, der braucht vor allem eines: Ruhe.

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Die roten Lampen leuchten über den Türen aller Untersuchungszimmer – „Besetzt“ steht darauf. „Es ist einiges los“, sagt Assistenzarzt Andreas Markofsky. Er untersucht gerade eine Frau, die mit Verdacht auf Lungenentzündung in die Notaufnahme gekommen ist. Drei Stunden musste sie warten. Nicht ungewöhnlich. „Die Fallzahlen in deutschen Notaufnahmen steigen jährlich um fünf Prozent,“ sagt der Chef der Notaufnahme Christian Dudel. Im Wochenmittel ist die Ambulanz zu 98 Prozent ausgelastet. In der Spitze werden 120 Notfälle am Tag versorgt. Dabei verfügt das Siloah über keine eigene Unfallchirurgie – Trauma-Verletzungen und Unfälle werden im Friederikenstift, dem Nordstadtkrankenhaus oder der MHH behandelt. Herzstück der Siloah-Ambulanz ist stattdessen die Brustschmerz-Beobachtung, der Piepton der Geräte ist im Wartebereich zu hören. Frische Blumen, ein beruhigendes Farbkonzept und das „Prinzip der kurzen Wege“ sorgen für eine erstaunlich angenehme Atmosphäre. Die Ambulanz konnte für den Neubau des Siloah neu geplant werden – auch nach Wünschen der Ärzte und Pfleger. Doch schon jetzt, wenige Jahre nach Entstehen, reicht der Platz nicht mehr aus. Probleme bereiten häufig betrunkene Patienten, besonders am Wochenende. Erst kürzlich habe sich ein Betrunkener komplett ausgezogen und sei unbemerkt hinter den Tresen gelaufen, erzählt die Pflegekraft. Mit einem Notfallknopf wurde die Polizei gerufen. „Wir fordern schon länger eine Absperrung“, berichtet sie.

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Durch das abendliche Foyer schallen Klavierklänge. Im Nachthemd sitzt Jonas Melzer am Flügel und spielt den Soundtrack aus dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“. In seinem linken Handrücken steckt eine Infusion, der Tropf steht neben dem Klavierhocker. „Am Montag ist meine Lunge kollabiert“, erzählt der 25-Jährige. Schon zum zweiten Mal sei ihm das passiert. Sieben Stunden musste Melzer in der Notaufnahme warten, bis er endlich aufgenommen wurde. Nun ragen dicke Schläuche aus seinem Brustkorb. „Wenn’s gut läuft, bin ich in einer Woche wieder raus“, sagt er zuversichtlich. Angst vor der OP habe er schon, gesteht er. Deshalb fährt er auch immer wieder von seiner Station ins Erdgeschoss, um sich am Flügel von seinen Schmerzen abzulenken: „Ich glaube, die Musik hilft mir, gesund zu werden.“ Wenn er dann gefühlvoll in die Tasten schlägt, ist er meistens nicht lange allein. Denn die sanften Klänge sind wie ein ruhige Oase inmitten des Krankenhausalltags.

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Vier Ärzte und Pfleger stehen um das Bett der Patientin, die über starke Luftnot klagt. Während einer ihre Lunge abhört, legt ein anderer einen Blasenkatheter. „Es tut mir leid, das tut jetzt weh“, sagt ein Arzt, doch die Frau kann kaum noch antworten. Das Piepen der Geräte und Maschinen wird schneller – die Ärzte sind angespannt, versuchen dennoch, der Patientin immer wieder gut zuzureden. Was die Ursache für ihre Luftnot ist, steht noch nicht fest. „Unsere Arbeit ist auch ein bisschen Detektivarbeit“, sagt der Leiter der Station, Dietmar Mähler. Man entwickele ein Gespür für die Menschen. „Meist bemerken wir schon, dass sich die Lage des Patienten verschlechtert, bevor die Geräte es anzeigen.“

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Wenn die meisten schon schlafen, beginnt für Sicherheitsmann Thorsten Bankes die Nachtschicht – mit einer Kontrollrunde. Sind alle Fenster zu, überall die Lichter aus? Routiniert streift der gelernte Bäcker um das Krankenhaus, vorbei am Flüchtlingswohnheim, am Kaffeeautomaten und durch den leeren Verwaltungstrakt. „Ich mag die Nachtschicht, weil es ruhig ist“, erzählt der 53-Jährige. Er ist nachts ganz alleine für die Sicherheit im Siloah zuständig. „Eigentlich ist es friedlich hier“, erzählt Bankes. Tatsächlich spielen sich die brenzligen Situationen eher hinter ihm in der Notaufnahme ab. Dort gibt es einen Notrufknopf direkt unter dem Info-Tresen.
Zwischen den Kontrollrunden schaut Sicherheitsmann Bankes gerne fern. Zufällig befindet sich an seinem Platz im Foyer des Siloah ein kleiner weißer Fernseher, an dem tagsüber Patienten das Entertainment-Center an ihren Betten erklärt bekommen.

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Erst wenn ihre Patienten eingeschlafen sind, kommt auch Nachtschwester Sigrid Freise langsam zur Ruhe. Gerade hat sie ihre „letzte Runde“ auf der Privatstation gedreht. „Vor Mitternacht klingelt es manchmal so häufig, dass ich mir einen Wolf laufe“, sagt sie erleichtert. Vor ihr ist ein Korb Medikamente aufgebaut. Die Portionierung für den kommenden Tag erfordert volle Konzentration. Um Fehler auszuschließen, bringt sie die sortierten Tabletten-Boxen anschließend ihrer Kollegin am anderen Flurende zur Gegenprobe. Nach Mitternacht ist der Flur so still, dass nur noch das sonore Brummen der Klimaanlage zu hören ist. „Diese Schicht ist der totale Gegensatz zu dem, was man hier am Tag erlebt“, erzählt Nachtschwester Kerstin Müller, die gerade neue Blankobögen in die Pflegeakten heftet. Im Zweistundentakt folgen Kontrollgänge durch jedes der insgesamt 40 Zimmer. „Wir sind ganz leise“, lächelt sie. An der Decke blinkt in roter Leuchtschrift eine Zimmernummer auf. Ein Fall für Nachtschwester Freise, die umgehend nach dem Rechten schaut und anschließend eine Windel in den Abfall wirft. 15- bis 20-mal klingelt es durchschnittlich in der Nacht. Die Nachtschwestern helfen bei Schmerzen, Einschlafproblemen oder wenn ein Patient auf Toilette muss. „Für Notfälle steht aus jedem Fachbereich ein Arzt auf Abruf bereit“, erklärt Freise. Diese Nacht verläuft ruhig.

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Der „Klangraum“ auf dem Flur der Palliativstation ist ein ganz besonderer Ruheort im Siloah. Tagsüber dient er dazu, unheilbar kranken Patienten einen sinnlichen Ausgleich zu ermöglichen. Jetzt, in der Nacht, genießt die diensthabende Schwester die Atmosphäre des kleinen Raums, der die Besonderheit der Station spiegelt. „Hier behandeln wir nicht nur Symptome, sondern kümmern uns auch um die Seele“, sagt eine Schwester, die ihre Arbeit mit den Sterbenden als Berufung versteht. Ein halbes Jahr, so kurz ist die Lebenserwartung der Menschen in den acht Betten der Palliativstation. „Uns als Sterbestation zu bezeichnen, ist aber falsch“, sagt die Schwester. Ihren Namen möchte sie aus Respekt gegenüber ihren Patienten nicht nennen. „Bei uns darf gestorben werden, das ist ein großer Unterschied“, korrigiert sie ein weitverbreitetes Missverständnis. Die tödliche Krankheit wird hier zwar niemandem genommen, doch neben der Schmerzlinderung geht es mitunter auch darum, die Patienten so zu versorgen, dass sie in ihr Zuhause zurückkehren können. „Das ist der große Wunsch. Wir versuchen ihn durch intensive Zusammenarbeit mit ambulanten Hospizdiensten zu verwirklichen.“

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Das Siloah ist um diese Uhrzeit verwaist. Jonas Melzer ist allein auf dem Flur seiner Station unterwegs. „Als würde einem die ganze Zeit jemand mit dem Skalpell an den Rippen kratzen“ – so beschreibt er die Schmerzen, die ihn nicht schlafen lassen. In diesen Momenten ist er froh über die Zusatzversicherung, die ihm immerhin den Komfort der Privatstation garantiert. Vorsichtig steigt Jonas in die Schlappen und schiebt seine Schmerzpumpe zum Kaffeeautomaten. „Nur für die Patienten des Wahlbereichs“ steht an einem Schild. Doch weder der Gratiskaffee noch die 70 Fernsehsender seiner Entertainment-Station oder die Wahl zwischen dem mediterannen, französischen und Müsli-Frühstück können ihm in diesem Augenblick die Angst vor der Operation am Vormittag nehmen. Trotz seiner kollabierten Lunge denkt er auch daran, wie es wohl wäre, bald wieder zu rauchen. Seit er vor einer Woche eingeliefert wurde, ist er nikotinfrei. „Ich hab echt Bock, aber ich muss damit abschließen. Sonst hänge ich mit 40 am Sauerstoffgerät“, mahnt er sich selbst.

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Das Foyer ist menschenleer – fast. Nur vor dem Kaffeeautomaten sitzt ein Patient. „Können Sie nicht schlafen“, fragt die junge Schwester im Vorbeigehen, als sie Herrn S. so früh auf der Bank sitzen sieht. Kurz waren sie zu zweit im Foyer, jetzt hat er wieder seine Ruhe. Herr S. sucht hier eine ruhige Ecke, weil der Krebs und der Stress ihn nicht schlafen lassen. „Heute habe ich zum ersten Mal nachgedacht, ob um mich herum vielleicht nur noch ein Programm abläuft“, erzählt der Mathematiker nachdenklich. Seine Stimme ist leise, brüchig und heiser. Einmal ist Herr S. schon aus dem Krankenhaus „abgehauen“. „Den getakteten Tagesablauf kann ich nicht gut aushalten“, sagt er. Neulich hat Herr S. im Fernsehen eine Dokumentation über die Insel Hawaii gesehen. Sie erinnert ihn an seine vielen Aufenthalte im Krankenhaus. „Hier leben die Menschen das Leben, anderswo ein System“, sagte ein Sprecher darin. „Ich will das Leben leben“, sagt Herr S. mit entschlossener Stimme.

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Eine weitere Nacht liegt hinter dem Siloah. Zwischen Notaufnahme und dem Wartebereich der Bereitschaftspraxen ist Reinigungskraft Havva Ugur im Stress. "Es ist viel zu viel Arbeit", ärgert sie sich über die Hektik am Morgen. Bis Mittag wird sie mit ihrer Kollegin Marcella im Akkordtempo die Behandlungszimmer, Büros und Flure wischen. Dann ist auch für sie die Schicht zu Ende – mitten am Tag.

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24 Stunden im Siloah ist ein Projekt der HAZ-Volontäre Nils Oehlschläger, Julia Polley, Lisa Malecha, Linda Tonn und Mario Moers (von links). Von 5 Uhr morgens haben sie zusammen mit den Fotografen Katrin Kutter und Jan Philipp Eberstein die Abläufe in dem neuen Krankenhaus begleitet, erlebt – und festgehalten.

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Übersicht

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Kapitel 1 Der Morgen im Siloah

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Kapitel 2 Der Vormittag im Siloah

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Kapitel 3 Der Mittag im Siloah

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Kapitel 4 Der Nachmittag im Siloah

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Kapitel 5 Der Abend im Siloah

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Kapitel 6 Die Nacht im Siloah

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Kapitel 7 Die Autoren

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